Kaum ein Medikament ist so gründlich untersucht wie die Statine. Weit über 100.000 Menschen haben an den randomisierten Studien teilgenommen, die unabhängige Forschungsverbünde zusammengeführt haben, und das zentrale Ergebnis steht außer Frage: Wer sein LDL-Cholesterin mit einem Statin senkt, erleidet seltener Herzinfarkte und Schlaganfälle. Für Menschen ohne bekannte Herzerkrankung lautet die eigentliche Frage aber anders – nicht, ob Statine wirken, sondern ob der Nutzen für Sie groß genug ist, um jahrelang täglich eine Tablette zu nehmen. Die Antwort hängt fast vollständig von Ihrem Ausgangsrisiko ab.
Der relative Nutzen ist konstant – der absolute nicht
Die Cholesterol Treatment Trialists' (CTT) Collaboration hat individuelle Daten aus 27 Studien zusammengeführt. Jede Senkung des LDL-Cholesterins um 1 mmol/l (etwa 39 mg/dl) verringerte die Rate schwerer Gefäßereignisse um 21 % (Ratenverhältnis 0,79). Entscheidend: Dieser relative Effekt galt auf allen Stufen des Ausgangsrisikos, auch auf der niedrigsten. Bei Menschen ohne vorbestehende Gefäßerkrankung senkten Statine die Gefäßereignisse um 15 % und die Gesamtsterblichkeit um 9 %. Die Krebshäufigkeit blieb unverändert.
Eine relative Senkung wird jedoch erst dann aussagekräftig, wenn man sie auf ein absolutes Risiko anwendet. Die CTT errechnete, dass bei Menschen mit einem Fünf-Jahres-Risiko unter 10 % jede Senkung um 1 mmol/l etwa 11 schwere Gefäßereignisse pro 1.000 Menschen in fünf Jahren verhinderte – grob ein vermiedenes Ereignis auf 90 Behandelte. Die US Preventive Services Task Force (USPSTF) fand in den gepoolten Studien zur Primärprävention absolute Senkungen um 0,89 Prozentpunkte für Herzinfarkt, 0,39 für Schlaganfall und 0,35 für Tod jeglicher Ursache über die Studiendauer.
Eine einfache Veranschaulichung mit der CTT-Zahl, unter der Annahme, dass ein typisches Statin das LDL um etwa 1,5 mmol/l senkt (eine relative Senkung um rund 30 %):
- 10-Jahres-Risiko von 20 %: etwa 6 verhinderte Ereignisse pro 100 Menschen – eine Number Needed to Treat (NNT, Zahl der notwendigen Behandlungen) von rund 17 über zehn Jahre.
- 10-Jahres-Risiko von 10 %: etwa 3 pro 100 – NNT rund 33.
- 10-Jahres-Risiko von 5 %: etwa 1,5 pro 100 – NNT rund 67.
Das sind Näherungswerte, keine individuellen Vorhersagen. Sie zeigen aber, warum dasselbe Medikament für den einen eine klare Empfehlung und für die andere eine knappe Abwägung sein kann.
Wer ein Statin erwägen sollte
Europäische und US-amerikanische Empfehlungen gehen beide vom geschätzten 10-Jahres-Risiko aus, nutzen aber unterschiedliche Rechner. Die Präventionsleitlinie 2021 der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) verwendet SCORE2 (40–69 Jahre) und SCORE2-OP (ab 70), die tödliche und nicht tödliche Herzinfarkte und Schlaganfälle schätzen. Eine Behandlung wird bei sehr hohem Risiko in der Regel empfohlen – ab 7,5 % unter 50 Jahren, ab 10 % mit 50–69 und ab 15 % ab 70 – und sollte bei hohem Risiko erwogen werden (2,5–7,5 %, 5–10 % bzw. 7,5–15 %). Für Menschen über 70 ist die ESC-Empfehlung schwächer („kann erwogen werden“).
In den USA empfiehlt die USPSTF (2022) ein Statin für Erwachsene von 40 bis 75 Jahren mit mindestens einem Risikofaktor (Fettstoffwechselstörung, Diabetes, Bluthochdruck oder Rauchen) und einem mit den Pooled Cohort Equations berechneten 10-Jahres-Risiko von 10 % oder mehr; bei 7,5–10 % ist es eine individuelle Entscheidung. Für Menschen ab 76 hielt sie die Evidenz für unzureichend. Menschen mit sehr hohem LDL (über 190 mg/dl bzw. 4,9 mmol/l) oder familiärer Hypercholesterinämie fallen nicht unter diese Regeln; für sie gelten eigene Empfehlungen.
Bei grenzwertigem Risiko kann ein Koronarkalk-Score helfen: Die ESC führt ihn unter den Risikomodifikatoren, die jemanden eine Kategorie höher oder tiefer einstufen können. Verkalkte Plaques stärken die Argumente für ein Statin; ein Wert von null kann das Abwarten stützen.
Nebenwirkungen: Was die verblindeten Studien zeigen
Muskelschmerzen sind die am meisten gefürchtete Nebenwirkung. 2022 analysierte die CTT 19 doppelblinde, placebokontrollierte Studien mit 123.940 Teilnehmenden. Muskelschmerzen oder -schwäche gaben 27,1 % unter Statin und 26,6 % unter Placebo an. Der kleine Überschuss beschränkte sich auf das erste Jahr – etwa 11 zusätzliche Meldungen pro 1.000 Personenjahre – und verschwand danach. Schwere Muskelschäden waren selten.
Andere Effekte sind real, aber moderat. Die USPSTF fand in sechs Studien keinen signifikanten Anstieg von Diabetes; in der JUPITER-Studie mit einem hochdosierten Statin stiegen Diabetesdiagnosen jedoch um 25 %, beschränkt auf Menschen, die bereits Risikofaktoren dafür hatten. In STAREE (siehe unten) traten diabetesbezogene Ereignisse bei 4,0 % unter Atorvastatin gegenüber 2,7 % unter Placebo auf, leber- und gallenbezogene Ereignisse bei 3,3 % gegenüber 0,9 %. Bei relevantem Herz-Kreislauf-Risiko überwiegen in der Regel die verhinderten Ereignisse – ins Gespräch gehören diese Abwägungen trotzdem.
Der Nocebo-Effekt
Wenn verblindete Studien so wenige Muskelbeschwerden zeigen – warum setzen dann so viele Menschen Statine ab? Die britische SAMSON-Studie lieferte eine elegante Antwort. Sechzig Menschen, die Statine wegen Nebenwirkungen abgesetzt hatten, erhielten je zwölf Tablettenflaschen für jeweils einen Monat: vier mit Atorvastatin, vier mit identisch aussehendem Placebo und vier leere, in zufälliger Reihenfolge. Täglich bewerteten sie ihre Beschwerden per Smartphone. Die mittleren Beschwerdewerte lagen bei 8,0 in tablettenfreien Monaten, 15,4 unter Placebo und 16,3 unter Statin: Etwa 90 % der Beschwerdelast traten auch unter Placebo auf. Sechs Monate später nahm die Hälfte der Teilnehmenden wieder ein Statin.
Die Beschwerden sind echt. SAMSON zeigt, dass die meisten von ihnen durch die Erwartung eines Schadens entstehen, nicht durch das Medikament.
Ältere Menschen: neue Evidenz aus STAREE
Ob gesunde Menschen über 70 profitieren, war lange unklar. STAREE, im August 2026 veröffentlicht, teilte 9.971 Australierinnen und Australier ab 70 Jahren ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung, Diabetes oder Demenz zufällig Atorvastatin 40 mg oder Placebo zu. Über im Median 5,9 Jahre traten schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse bei 6,0 % gegenüber 8,3 % auf – etwa 30 % weniger, oder ein verhindertes Ereignis auf rund 43 Behandelte. Das Überleben ohne Behinderung, der zweite Hauptendpunkt, verbesserte sich nicht; die meisten Todesfälle in dieser Altersgruppe waren nicht kardiovaskulär bedingt. Die größere US-Studie PREVENTABLE (etwa 20.000 Teilnehmende), die Demenz und Behinderung in den Blick nimmt, läuft noch.
Was das für Sie bedeutet
Fragen Sie Ihren Arzt oder Ihre Ärztin nach Ihrem geschätzten 10-Jahres-Risiko (in Europa SCORE2) und worauf es beruht. Fragen Sie dann: Um wie viel würde ein Statin mein Risiko absolut senken? Würde ein Koronarkalk-Score die Entscheidung ändern? Wenn Sie früher Nebenwirkungen hatten, fragen Sie nach einem strukturierten erneuten Versuch, einem anderen Statin oder einer niedrigeren Dosis, statt einfach aufzuhören. Wenn Sie über 70 sind, besprechen Sie, was Sie sich erhoffen: STAREE spricht für weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle, aber nicht für mehr Jahre ohne Behinderung.
Fazit
Statine senken verlässlich Herzinfarkte und Schlaganfälle; der absolute Nutzen wächst mit dem Ausgangsrisiko. Bei hohem oder sehr hohem geschätztem Risiko lohnt sich die Behandlung eindeutig. Bei niedrigem Risiko ist der Gewinn klein, und persönliche Präferenzen zählen. Die meisten Muskelbeschwerden werden nicht durch das Medikament verursacht. Evidenz: ★★★ Hoch (★★ Moderat für Menschen über 75).
Literatur
- Cholesterol Treatment Trialists' (CTT) Collaborators. The effects of lowering LDL cholesterol with statin therapy in people at low risk of vascular disease: meta-analysis of individual data from 27 randomised trials. Lancet. 2012;380(9841):581-590. doi:10.1016/S0140-6736(12)60367-5
- Cholesterol Treatment Trialists' Collaboration. Effect of statin therapy on muscle symptoms: an individual participant data meta-analysis of large-scale, randomised, double-blind trials. Lancet. 2022;400(10355):832-845. doi:10.1016/S0140-6736(22)01545-8
- Wood FA, Howard JP, Finegold JA, et al. N-of-1 trial of a statin, placebo, or no treatment to assess side effects. N Engl J Med. 2020;383(22):2182-2184. doi:10.1056/NEJMc2031173
- US Preventive Services Task Force. Statin use for the primary prevention of cardiovascular disease in adults: US Preventive Services Task Force recommendation statement. JAMA. 2022;328(8):746. doi:10.1001/jama.2022.13044
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- Zoungas S, Wolfe R, Moran C, et al. Atorvastatin, cardiovascular events, and disability-free survival in older adults. N Engl J Med. 2026. doi:10.1056/NEJMoa2607314
Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.