Wenn Sie nur eine einzige Zahl über Ihre Herz-Kreislauf-Gesundheit kennen könnten, dann sollte es wahrscheinlich Ihr Blutdruck sein. Er ist günstig zu messen, er verändert sich mit dem, was Sie tun, und seine Senkung verhindert Herzinfarkte, Schlaganfälle und Herzschwäche – umso mehr, je deutlicher er sinkt. Zugleich gehört er zu den am häufigsten falsch gemessenen Werten der Medizin: Ein einzelner Wert in einer vollen Praxis sagt erstaunlich wenig aus. Die gute Nachricht: Die verlässlichste Messung ist die, die Sie selbst zu Hause vornehmen können.

~10 %weniger schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse pro 5 mmHg niedrigerem systolischem Druck
135/85Grenzwert für Bluthochdruck bei der Selbstmessung (ESC 2024)
3–7 TageMessungen morgens und abends für einen verlässlichen Mittelwert
120–129systolischer Zielwert unter Behandlung, sofern vertragen (ESC 2024)

Warum diese Zahl so wichtig ist

Die stärkste Evidenz stammt von der Blood Pressure Lowering Treatment Trialists' Collaboration, die individuelle Daten aus 48 randomisierten Studien mit 344.716 Teilnehmenden zusammengeführt hat. Jede Senkung des systolischen Drucks (des oberen Werts) um 5 mmHg verringerte das Risiko schwerer Herz-Kreislauf-Ereignisse um etwa 10 % – bei Menschen mit und ohne frühere Herzerkrankung oder Schlaganfall und selbst dann, wenn die Ausgangswerte im normalen oder hochnormalen Bereich lagen. Eine Schwelle, unterhalb derer der Nutzen endete, fand sich nicht.

In absoluten Zahlen sanken schwere Ereignisse bei Teilnehmenden ohne vorbestehende Herz-Kreislauf-Erkrankung von 31,9 auf 25,9 pro 1.000 Personenjahre – rund sechs Ereignisse weniger pro 1.000 Menschen, die ein Jahr lang behandelt werden. Wie viel der Einzelne gewinnt, hängt von seinem Ausgangsrisiko ab: Dieselbe relative Senkung um 10 % ist für einen 70-jährigen Raucher mit Diabetes weit mehr wert als für einen gesunden 40-Jährigen. Deshalb verbinden moderne Leitlinien den Blutdruck mit einer Schätzung des gesamten Herz-Kreislauf-Risikos, statt die Zahl isoliert zu betrachten.

Praxis, Selbstmessung oder 24 Stunden: Welcher Wert zählt?

Der Blutdruck schwankt von Minute zu Minute. Die Leitlinie 2024 der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) empfiehlt daher, die Diagnose durch Messungen außerhalb der Arztpraxis zu bestätigen – entweder durch Selbstmessung zu Hause oder durch eine 24-Stunden-Langzeitmessung, bei der ein tragbares Gerät tagsüber alle 15–30 Minuten und nachts alle 30–60 Minuten misst. Weil die Normbereiche verschieden sind, unterscheiden sich auch die Grenzwerte:

  • Praxis: Bluthochdruck ab 140/90 mmHg
  • Selbstmessung (Mittelwert): Bluthochdruck ab 135/85 mmHg
  • 24-Stunden-Mittelwert: Bluthochdruck ab 130/80 mmHg (nachts ab 120/70)

Die Messung außerhalb der Praxis deckt zwei wichtige Muster auf. Bei der Weißkittelhypertonie sind die Werte in der Praxis hoch (≥140/90), zu Hause aber normal (<135/85). Bei der maskierten Hypertonie ist es umgekehrt: normal in der Praxis, erhöht im Alltag. Die maskierte Hypertonie ist die tückischere Form, weil sie unbemerkt bleibt; laut ESC tritt sie häufiger bei Männern, Rauchern, Menschen mit hohem Alkoholkonsum sowie bei Diabetes oder Adipositas auf. Selbstmessung und Langzeitmessung kommen bei etwa 15 % der Menschen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Liegen die Werte zu Hause nahe an einer Entscheidungsschwelle, kann eine 24-Stunden-Messung Klarheit schaffen.

Richtig messen zu Hause

Selbstgemessene Werte sind nur so gut wie Gerät und Technik. Das Wesentliche nach der ESC-Leitlinie und der Deutschen Hochdruckliga:

  • Gerät: Verwenden Sie ein validiertes, automatisches Oberarmgerät. Handgelenkgeräte können genau messen, werden aber leicht falsch angewendet, wenn das Handgelenk nicht auf Herzhöhe gehalten wird. Die Deutsche Hochdruckliga prüft Geräte und vergibt ein Prüfsiegel; auf ihrer Website sind geprüfte Oberarm- und Handgelenkgeräte nach Jahrgang aufgelistet. Von manschettenlosen Wearables zur Blutdruckmessung rät sie ab.
  • Manschettengröße: Messen Sie Ihren Oberarmumfang und wählen Sie eine passende Manschette. Die ESC gibt vor, dass die aufblasbare Luftkammer 75–100 % des Armumfangs abdecken soll.
  • Haltung: Sitzen Sie fünf Minuten ruhig, der Arm locker und aufgelegt, die Manschette auf Herzhöhe, ihr unterer Rand etwa zwei Fingerbreit oberhalb der Ellenbeuge. Sprechen Sie während der Messung nicht.
  • Welcher Arm: Messen Sie beim ersten Mal an beiden Armen; danach am Arm mit den höheren Werten.
  • Ablauf: Nehmen Sie jeden Morgen und jeden Abend zur gleichen Zeit zwei Messungen im Abstand von ein bis zwei Minuten vor. Morgens vor dem Frühstück und vor der Einnahme von Medikamenten. Messen Sie so mindestens drei, idealerweise sieben Tage, und bilden Sie den Mittelwert aller Messungen. Die Hochdruckliga empfiehlt eine solche Messwoche bei Diagnosestellung, nach jeder Therapieänderung und bei stabilen Werten etwa einmal im Monat.
  • Gerät überprüfen: Die ESC empfiehlt, Geräte, die älter als etwa vier Jahre sind, bei Ungenauigkeit zu ersetzen. Die Hochdruckliga beschreibt einen einfachen Abgleich mit einer manuellen Messung: Drei Messpaare am selben Arm sollten im Mittel um nicht mehr als etwa 10 mmHg voneinander abweichen.

Kategorien und Zielwerte: Europa und USA

Die ESC-Leitlinie 2024 führte drei Kategorien auf Basis der Praxismessung ein: nicht erhöht (<120/70 mmHg), erhöht (systolisch 120–139 oder diastolisch 70–89) und Hypertonie (≥140/90). Menschen mit bestätigter Hypertonie sollen behandelt werden. Bei erhöhtem Blutdruck hängt die Entscheidung vom Gesamtrisiko ab: Ein 10-Jahres-Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen von 10 % oder mehr (geschätzt mit SCORE2 bzw. ab 70 Jahren mit SCORE2-OP) oder Erkrankungen wie Diabetes, chronische Nierenerkrankung, bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankung oder familiäre Hypercholesterinämie rechtfertigen eine Behandlung – zunächst drei Monate Lebensstilmaßnahmen, danach Medikamente, wenn diese nicht ausreichen. Unter Behandlung empfiehlt die ESC einen systolischen Zielwert von 120–129 mmHg, sofern er gut vertragen wird; großzügigere Ziele gelten ab 85 Jahren, bei Gebrechlichkeit oder bei Beschwerden durch Blutdruckabfall im Stehen.

USA: ACC/AHA 2025

Normal <120/80; erhöht 120–129/<80; Hypertonie Stadium 1 130–139 oder 80–89; Stadium 2 ≥140 oder ≥90. Ziel unter 130/80 für die meisten Erwachsenen. Das Risiko wird mit den neuen PREVENT-Gleichungen geschätzt.

Europa: ESC 2024

Nicht erhöht <120/70; erhöht 120–139/70–89; Hypertonie ≥140/90. Erhöhter Blutdruck wird je nach Gesamtrisiko behandelt. Systolischer Zielwert unter Behandlung 120–129 mmHg, sofern vertragen.

Die Bezeichnungen unterscheiden sich, die Richtung ist auf beiden Seiten des Atlantiks dieselbe: Niedriger ist besser, das Risiko zählt, und die Entscheidung sollte auf bestätigten Messungen außerhalb der Praxis beruhen.

Was Lebensstiländerungen bringen – in mmHg

Die Effekte des Lebensstils sind real, messbar – und sie addieren sich:

  • Gewichtsabnahme: etwa 1 mmHg niedrigerer systolischer Druck pro verlorenem Kilogramm (Metaanalyse von 25 Studien).
  • Weniger Salz: Rund 4,4 g weniger Salz pro Tag senkten den systolischen Druck insgesamt um etwa 4 mmHg und bei Menschen mit Bluthochdruck um etwa 5 mmHg.
  • Ernährungsmuster: In der DASH-Studie senkte eine Kost reich an Gemüse, Obst und fettarmen Milchprodukten den systolischen Druck insgesamt um 5,5 mmHg und bei Teilnehmenden mit Bluthochdruck um 11,4 mmHg.
  • Bewegung: Ausdauer- und Krafttraining senkten den systolischen Druck jeweils um etwa 4–5 mmHg, kombiniertes Training um etwa 6 mmHg und isometrisches Training (Halten einer Muskelanspannung, etwa Handgriffübungen oder „Wandsitzen“) um etwa 8 mmHg.

Gemessen an den Studiendaten entspricht eine Senkung um 5 mmHg allein durch den Lebensstil etwa derselben relativen Risikominderung von 10 % wie eine Tablette.

Was das für Sie bedeutet

Kennen Sie Ihren häuslichen Mittelwert, nicht nur den letzten Praxiswert. Besorgen Sie sich ein validiertes Oberarmgerät mit passender Manschette, messen Sie eine Woche lang nach dem oben beschriebenen Ablauf und bringen Sie die gemittelten Werte zu Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin. Fragen Sie: Liegt mein Mittelwert zu Hause über 135/85? Weichen meine Praxis- und Heimwerte voneinander ab – und würde eine 24-Stunden-Messung helfen? Wie hoch ist mein gesamtes 10-Jahres-Risiko? Wenn Sie bereits behandelt werden: Ist ein systolischer Wert von 120–129 mmHg für mich ein realistisches und sicheres Ziel?

Fazit

Der Blutdruck ist der am besten beeinflussbare Herz-Kreislauf-Risikofaktor: Jede Senkung des systolischen Drucks um 5 mmHg bedeutet etwa 10 % weniger schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse. Bestätigen Sie hohe Werte mit einer Woche korrekter Selbstmessung oder einer 24-Stunden-Messung und lassen Sie sich je nach Gesamtrisiko behandeln. Evidenz: ★★★ Hoch.

Weitere Wege, Ihr Risiko genauer einzuschätzen, finden Sie in unseren Beiträgen zum Koronarkalk-Score und zu Bewegung versus Medikamente.

Literatur

  1. McEvoy JW, McCarthy CP, Bruno RM, et al. 2024 ESC Guidelines for the management of elevated blood pressure and hypertension. Eur Heart J. 2024;45(38):3912-4018. doi:10.1093/eurheartj/ehae178
  2. Blood Pressure Lowering Treatment Trialists' Collaboration. Pharmacological blood pressure lowering for primary and secondary prevention of cardiovascular disease across different levels of blood pressure: an individual participant-level data meta-analysis. Lancet. 2021;397(10285):1625-1636. doi:10.1016/S0140-6736(21)00590-0
  3. Jones DW, Ferdinand KC, Taler SJ, et al. 2025 AHA/ACC/AANP/AAPA/ABC/ACCP/ACPM/AGS/AMA/ASPC/NMA/PCNA/SGIM guideline for the prevention, detection, evaluation and management of high blood pressure in adults. Hypertension. 2025;82(10):e212-e316. doi:10.1161/HYP.0000000000000249
  4. Deutsche Hochdruckliga e.V. DHL. Blutdruckmessgeräte mit Prüfsiegel; Blutdruckmessung. hochdruckliga.de. Accessed October 2026.
  5. Neter JE, Stam BE, Kok FJ, Grobbee DE, Geleijnse JM. Influence of weight reduction on blood pressure: a meta-analysis of randomized controlled trials. Hypertension. 2003;42(5):878-884. doi:10.1161/01.HYP.0000094221.86888.AE
  6. He FJ, Li J, MacGregor GA. Effect of longer term modest salt reduction on blood pressure: Cochrane systematic review and meta-analysis of randomised trials. BMJ. 2013;346:f1325. doi:10.1136/bmj.f1325
  7. Appel LJ, Moore TJ, Obarzanek E, et al. A clinical trial of the effects of dietary patterns on blood pressure. N Engl J Med. 1997;336(16):1117-1124. doi:10.1056/NEJM199704173361601
  8. Edwards JJ, Deenmamode AHP, Griffiths M, et al. Exercise training and resting blood pressure: a large-scale pairwise and network meta-analysis of randomised controlled trials. Br J Sports Med. 2023;57(20):1317-1326.
Prof. Dr. med. Markus Guba

Leiter des Bereichs Leberchirurgie und Transplantation am Klinikum der LMU München. Gibt dieses unabhängige Journal privat heraus; die Beiträge geben seine persönliche Auffassung wieder. Über →

Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.