Das Paradox: Derselbe Antrieb und dieselbe Intensität, die Leistungsträger erfolgreich machen, können auch chronischen physiologischen Stress erzeugen, der über Jahre ihr Herz-Kreislauf-Risiko erhöhen kann. Menschen in fordernden Führungspositionen treiben meist mehr Sport, ernähren sich besser und haben besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung als die Allgemeinbevölkerung – und doch zeigen manche von ihnen erhöhte Entzündungswerte, gestörten Schlaf und Stoffwechselstörungen, die ihre Lebensstilvorteile eigentlich verhindern sollten.

Eine oft übersehene Variable ist chronischer Stress – und einer seiner biologischen Vermittler, das Cortisol.

Was chronischer Stress tatsächlich bewirkt

Akuter Stress ist gesund. Der Cortisolanstieg, der Ihnen hilft, unter Druck Leistung zu bringen, ist eine sinnvolle Anpassung – er schärft die Konzentration, mobilisiert Energie und steigert die Leistungsfähigkeit. Problematisch wird es, wenn dieser Anstieg nie ganz abklingt.

Chronischer Stress stört über Wochen, Monate, Jahre den normalen Cortisolrhythmus: Bei manchen bleibt das Cortisol erhöht, bei anderen flacht seine Tageskurve ab oder das Gewebe spricht schlechter darauf an. Das hat weitreichende körperliche Folgen, die fast jedes Organsystem betreffen, das eine gründliche Vorsorgeuntersuchung betrachtet:

  • Herz und Kreislauf: Eine anhaltende Stressaktivierung steigert den Blutdruck, fördert eine Funktionsstörung der Gefäßinnenwand (endotheliale Dysfunktion) und ist mit einer schnelleren Arteriosklerose verbunden. Eine Metaanalyse von 2012 aus 13 europäischen Kohortenstudien mit knapp 200.000 Beschäftigten fand, dass hohe Arbeitsbelastung (Job Strain) mit einem um 23 % erhöhten Risiko für koronare Herzkrankheit verbunden war; der Zusammenhang änderte sich nach Berücksichtigung von Lebensstil und sozioökonomischen Faktoren kaum, sein Gesamtbeitrag war aber deutlich kleiner als der des Rauchens.
  • Stoffwechsel: Cortisol fördert die Ansammlung von viszeralem Fett, Insulinresistenz und erhöhten Blutzucker – selbst bei Menschen, die Sport treiben und sich gut ernähren. Das könnte ein Grund sein, warum manche Menschen mit hervorragenden Fitnessgewohnheiten trotzdem einen erhöhten HOMA-IR haben.
  • Entzündung: Chronischer Stress ist mit höherem hs-CRP und anderen Entzündungsmarkern verbunden; ein vermuteter Mechanismus ist, dass Immunzellen weniger empfindlich auf das entzündungshemmende Signal des Cortisols reagieren. Systemische Entzündung ist ein anerkannter Treiber von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
  • Schlaf: Erhöhtes Cortisol am Abend erschwert das Einschlafen, verringert den Tiefschlaf und zerstückelt die Schlafarchitektur. Schlechter Schlaf verstärkt wiederum die Stressreaktion – ein sich selbst verstärkender Kreislauf.
  • Immunsystem: Chronischer Stress stört die Immunregulation. In experimentellen Studien erkrankten Menschen, deren Immunzellen schlecht auf Cortisol ansprachen, nach Kontakt mit einem Erkältungsvirus häufiger an einer Erkältung.

Warum Standard-Check-ups den Zusammenhang übersehen

Eine übliche jährliche Untersuchung misst kein Cortisol. Sie fragt nicht strukturiert nach Arbeitsstress. Und selbst wenn einzelne Werte leicht erhöht sind – hs-CRP von 2,1, Nüchternblutzucker von 98, Blutdruck von 132/84 –, behandelt die Ärztin oder der Arzt meist jeden Wert für sich, statt das Muster zu erkennen.

Das Muster lautet: chronischer Stress → Cortisol → Stoffwechselstörung → Herz-Kreislauf-Risiko. Ein einziger Mechanismus erzeugt mehrere „grenzwertige“ Auffälligkeiten, die einzeln unscheinbar wirken, zusammen aber bedeutsam sind.

Der Leistungsträger, der Marathon läuft, sich gesund ernährt und trotzdem erhöhte Entzündungswerte und grenzwertige Stoffwechselzahlen hat, ist kein medizinisches Rätsel. Chronischer Stress ist oft ein Teil der Erklärung – und kein Training der Welt kann ganz ausgleichen, was Cortisol um 23 Uhr anrichtet, wenn er immer noch E-Mails beantwortet.

Ein vernünftiges Vorgehen

Stress in einer Vorsorgeuntersuchung ernst zu nehmen, heißt mehr als die pauschale Frage „Wie gestresst sind Sie?“. Eine hilfreiche Anamnese fragt gezielt nach Schlafqualität, Arbeitszeiten, Entscheidungsmüdigkeit, Erholungsmustern und körperlichen Stresssymptomen. Idealerweise betrachtet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt diese Angaben zusammen mit der körperlichen Untersuchung und den Laborwerten, nicht getrennt davon.

Mehrere Routinewerte erfassen die Folgen: hs-CRP (Entzündung), HOMA-IR (Stoffwechselbelastung), das Blutdruckprofil, HbA1c (Blutzuckerlast) und eine Einschätzung des Schlafs. Deuten sie auf eine stressbedingte Stoffwechselstörung hin, lohnt es sich, das direkt mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt anzusprechen – mit konkreten, umsetzbaren Erholungsstrategien, die über „Stress reduzieren“ hinausgehen. Hilfreiche Fragen sind:

  • Bilden meine Grenzwerte ein Muster statt einzelner Befunde?
  • Wie steht es um meinen Schlaf – und sollte er genauer untersucht werden?
  • Welche konkreten Änderungen bei Arbeitslast und Erholung würden am meisten bewirken?

Die unbequeme Wahrheit

Gegen chronischen Stress hilft kein Nahrungsergänzungsmittel. Mit Sport allein lässt er sich nicht vollständig ausgleichen. Mit Eisbädern und Meditations-Apps lässt er sich nicht „wegoptimieren“ (auch wenn beides am Rand hilft). Irgendwann muss das Gespräch die Ursache angehen – und für dieses Gespräch sind die meisten Routineuntersuchungen nicht ausgelegt. Es lohnt sich trotzdem, es zu beginnen – mit Daten, nicht mit Vorwürfen.

Literatur

  1. Kivimäki M, et al. Job strain as a risk factor for coronary heart disease: a collaborative meta-analysis of individual participant data. Lancet. 2012;380(9852):1491-1497.
  2. Hackett RA, Steptoe A. Psychosocial factors in diabetes and cardiovascular risk. Curr Cardiol Rep. 2016;18(10):95.
  3. Cohen S, et al. Chronic stress, glucocorticoid receptor resistance, inflammation, and disease risk. PNAS. 2012;109(16):5995-5999.
Prof. Dr. med. Markus Guba

Leiter des Bereichs Leberchirurgie und Transplantation am Klinikum der LMU München. Gibt dieses unabhängige Journal privat heraus; die Beiträge geben seine persönliche Auffassung wieder. Über →

Dieser Artikel ist eine allgemeine Information und keine individuelle ärztliche Beratung. Ob eine Untersuchung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.